Der militante Flügel der FDP und seine bürgerlichen Kritiker – Zugleich eine Verteidigung revolutionärer Gewalt

Angesichts der Provinzpossen rund um einen harmlosen Steinwurf auf das örtliche CDU-Büro hält der avancierteste Teil der regionalen Linken es für überfällig sich zu Wort zu melden und sowohl die unreflektierte Praxis mancher Linker zu kritisieren, als auch die Apologeten des schlechten Bestehenden und ihren vermeintlichen Pazifismus anzugreifen.

erster Akt: die „radikale“ Linke

„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“
(Adorno: Minima Moralia)

Menschen, die sich der ehrenhaften Aufgabe stellen, die kapitalistische Gesellschaft zu überwinden, werden früher oder später zwangsläufig damit konfrontiert, dass es sich bei dieser Form der Vergesellschaftung nicht etwa wie bei früheren Herrschaftsverhältnissen um eine direkte, sondern um eine abstrakt durch den Wert vermittelte handelt – vorausgesetzt, sie sind gewillt ihr eigenes Handeln kritisch zu reflektieren. Der Kapitalismus kann also nur als apersonelle Form der Herrschaft verstanden werden, woraus sich ein grundlegendes Problem für die Praxis ergibt.
Klassische antikapitalistische Praxen wollten das Proletariat durch autoritäre Bevormundung in die Lage versetzen ihre objektiven Interessen wahrzunehmen und so die bürgerliche Gesellschaft zu überwinden. Nicht zuletzt durch die bereitwillige Beteiligung der Proletinnen am nationalsozialistischen Projekt – der negativen Aufhebung der Klassengesellschaft in der Volksgemeinschaft sowie der vollständigen Auslöschung alles jüdischen Lebens in Europa – haben jene Praxen auf grausamste Weise ihre Beschränktheit bewiesen. Die darauf folgende Gesellschaft des Massenkonsums ermöglichte zudem den Arbeiterinnen die lang ersehnte vollständige Integration in eben diese.
Mit dem Aufkommen der autonomen Bewegung schien die Lähmung der bis dahin anachronistischen Linken für kurze Zeit überwunden. Das Konzept der Aktivistin als neues revolutionäres Subjekt stieß dabei aber aufgrund seiner chronischen Egozentrik, im personellen wie im ideellen Sinn, schnell an seine Grenzen.
Auch heute noch beziehen sich weite Teile der bundesdeutschen Linken unreflektiert positiv auf die skizzierten längst überholten autonomen Konzepte. Anstatt diese dialektisch als Teil eines historischen Prozesses zu begreifen, deren Wahrheit nur in der konkreten geschichtlichen Situation entwickelt werden kann, werden sie verabsolutiert. Eine kritische Reflexion des eigenen Tuns, an dessen Ende fruchtbare Perspektiven und Alternativen stehen, findet selten statt.
So zeugen auch die jüngsten Aktionen, die in der Region stattfanden, von dieser Hilflosigkeit. Wenn die eigene gesellschaftliche Relevanz leider nur sehr marginal ist, lässt sich diese Ohnmacht am ehesten dadurch kaschieren, dass mensch Aktionsformen wählt, die in der Wahl der Mittel auf den ersten Blick sehr radikal erscheinen. Gleichzeitig kann dadurch den Genossinnen bewiesen werden, dass mensch in keinster Weise irgendwelche Zweifel hegt, es ernst meint mit dem gemeinsamen Ziel: der Assoziation der freien Individuen. So wird in schönster Regelmäßigkeit das Gleiche testosterongeladene Ritual wiederholt, und sich der eigene Identität als militanter Linker versichert. Die dabei zu Tage kommende Egozentrik schlägt sich auch in den „Bekennerschreiben“ nieder. Dreizeiler lassen den Verdacht aufkommen, dass es sich bei den Aktionen eher um ichichich-bezogene Politfolklore handelt, als um durchdachte Handlungen, welche einen Schritt hin zur klassenlosen Gesellschaft darstellen würden.
Gerade das gewählte Thema, die Verschärfung des Versammlungsgesetzes, muss bei der Begründung des Handelns gegen dieses in eine tiefere Reflexion eingebettet sein, handelt es sich dabei doch um eine Verteidigung des bürgerlichen Rechstaates, dessen Funktion -verkürzt gesagt- darin besteht, die Akkumulation des gesamtgesellschaftlichen Kapitals erfolgreich aufrecht zu erhalten. In der aktuellen geschichtlichen Periode, in der eine kritische bürgerliche Öffentlichkeit kaum noch existiert (besonders im Provinzmief des Landkreises Rastatt) kann es auch für die radikale Linke sinnvoll sein, diesen zu verteidigen, um nicht in vorbürgerliche Zustände zurück zu fallen. Dabei muss aber immer begründet werden können, worin der Unterschied zu liberalen Bewegungen besteht, welche sich als die eigentlichen Verteidiger der bürgerlichen Freiheitsrechte begreifen. Eine tiefere theoretische Reflexion ist demnach unablässig. Unser erster, recht banaler, Verbesserungsvorschlag ist demnach erstmal, statt nachts um die Häuser zu ziehen um mal wieder den aktuellen Lieblingsfeind symbolisch zu attackieren, ein Buch zu lesen. So tragisch es nun einmal ist, Patentrezepte um den universellen Verblendungszusammenhang des Kapitalismus zu überwinden kann es nicht geben. Daher ist es durchaus sinnvoll die sich erst einmal Gedanken über die Funktionsweise dieses zu machen, bevor ständig riskante Aktionen in einer monotonen Langeweile wiederholt werden. Um Missverständnissen vorzubeugen: autonome Konzepte können durchaus Wirkungsmächtigkeit besitzen, wie unsere Genossinnen in Griechenland unlängst bewiesen haben [1], aber ohne Massenbasis sind sie meist zum Scheitern verurteilt. Uns geht es hier nicht um eine Absage an revolutionäre Gewalt, lassen uns die gewalttätigen bürgerlichen Verhältnisse doch gar keine andere Wahl, diese muss aber mit bedacht eingesetzt und ihre Wirksamkeit ständig überprüft werden. Nur so kann das eigentliche Ziel, nämlich das Ende jeglicher Gewalt und das Zusammenleben der Individuen in einer höheren Form der Gesellschaft, erreicht werden.

Linksradikale Praxis muss also immer in eine kritische Reflexion eingebunden sein und weiterentwickelt werden, „bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen:
Hic Rhodus, hic salta! [2]
Hier ist die Rose, hier tanze!“

(MEW 8: 118/ Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte)

zweiter Akt: die bürgerlichen Chaoten

Die Sphäre der Zirkulation oder des Warenaustausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der Tat ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham. Freiheit! Denn Käufer und Verkäufer einer Ware, z.B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahieren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent. Eigentum! Denn jeder verfügt nur über das Seine. Bentham! Denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu tun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil so jeder nur für sich und keiner für den andren kehrt, vollbringen alle, infolge einer prästabilierten Harmonie der Dinge oder unter den Auspizien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vorteils, des Gemeinnutzens, des Gesamtinteresses.

(MEW 23: 189f./ Marx: Das Kapital I)

Viel kritikwürdiger als die radikale Linke – wie sollte es anders zu erwarten sein – sind natürlich die Vertreterinnen der bürgerlichen Ordnung. Zu ihnen wollen wir nur wenige Worte verlieren, liegt unser Hauptinteresse doch in der erfolgreichen Weiterentwicklung revolutionärer Strategien, jedoch machte uns die Verlogenheit dieser es aber beinahe unmöglich, sie hier nicht zu erwähnen.
Worin die Gewalttätigkeit besteht, wenn Menschen, die darüber verzweifelt sind, dass bürgerliche Freiheitsrechte immer weiter abgebaut werden und es innerhalb des formalen Rahmens der bürgerlichen Demokratie zu einer sich ständig verschärfenden autoritären Formierung kommt, keinen anderen Ausweg sehen, als einer Schaufensterscheibe ihre Formfestigkeit zu nehmen, wird wohl auf ewig das Geheimnis eines Karl-Wolfgang Jägels, Jonas Webers oder der BNN bleiben.
Dass ausgerechnet die Jusos sich als erste zu Worte melden, die ja bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Internationale vor sich hin trällern, war vorhersehbar, handelt es sich bei den Sozialdemokraten doch schon seit gut 150 Jahren um nichts anderes als die Steigbügelhalter des Kapitals. Unter der Ideologie des „Machbaren“ wurde seit eh und je jeder revolutionären Strömung der Wind aus den Segeln genommen und diese erfolgreich in das kapitalistische System eingegliedert. So bediente mensch sich auch im aktuellen Fall des totalitarismustheoretischen Geschwätzes aus der antikommunistischen Mottenkiste. Wenn immer die Rede von politisch „extremen“ Bewegungen und vom Zusammenhalt der selbst ernannten „Demokraten“ die Rede ist, handelt es sich doch bloß um eine Relativierung neonazistischer Gewalt und dem Diskreditieren eines jeglichen emanzipatorischen Projektes.
Zumindest uns ist kein ehrlich empörter briefeschreibender Herr Weber bekannt, der sich darüber echauffierte, als im November 2007 die Menschenjäger der Kripo einen in Deutschland nicht mehr erwünschten Menschen zum Sprung von seinem Balkon trieben und somit billigend seinen Tod in Kauf nahmen [3]. Auch der BNN war dieser „Vorfall“ nur eine Randnotiz wert, keinesfalls wurde auf Seite 1 proklamiert, dass einem bei solch chaotischen Verhalten seitens der Polizei nur ein kalter Schauer über den Rücken laufen könne. Über die Verlogenheit eines Karl-Wolfgang Jägel, der aus seinen Lohnsklavinnen noch das letzte bisschen Mehrwert herauspresst muss hier kein zusätzliches Wort verloren werden [4]. Anhand dieses Beispiels bürgerlicher Gewalt, die strukturell angelegt ist, liegt der Verdacht nahe, dass es den selbst ernannten Pazifisten aus dem Rastatter Bürgertum weniger um eine allgemeine Ablehnung von Gewalt geht, als um eine Diskreditierung linker, fortschrittlicher Bewegungen. So zeigt sich, dass den Bürgerinnen das Aufrechterhalten einer längst überholten Ordnung wichtiger ist, als es Menschenleben wären; die Schaufensterscheibe scheint im Gegensatz zu für das Kapital nicht verwertbaren Menschen ein Recht auf „körperliche“ Unversehrtheit zu genießen…
Nicht der Widerstand ist kriminell, sondern die Verhältnisse sind es!

Für den Communismus!
Für das Ende der Gewalt!

centrales comitée der cognac communistinnen
erstes und wohl auch letztes pamphlet
januar 2009
www.cococo.blogsport.de

[1] Natürlich gibt es auch an der griechischen Bewegung so einiges zu kritisieren; dies kann aber in dem hier begrenzten Rahmen nicht geleistet werden…
[2] „Hier ist Rhodos, hier springet!“
[3] Dieser konkrete Fall dient in erster Linie zur Illustration der barbarischen Flüchtlingspolitik der Europäischen Union, die systematisch alle Menschen in Europa, die aus der Verwertungslogik des Kapitals herausfallen, lieber im Mittelmeer ertrinken lässt, anstatt sie aufnehmen zu müssen. Gewalt findet sich in der bürgerlichen Welt aber nicht nur im Bereich der Flüchtlingspolitik, es gibt sie in nahezu allen Bereichen des Lebens, sie manifestiert sich nicht nur im Polizeiknüppel, sondern auch in den Fabriken und Büros, in den Schulen, im Supermarkt, in der Familie, in der „romantischen“ Zweierbeziehung, in den Geschlechterverhältnissen… diese Liste lässt sich nach Belieben fortsetzen.
[4] Diese Kritik dient ebenfalls der besseren Illustration; es handelt sich dabei nicht um eine moralische. Auch fette Klischeekapitalistinnen handeln nur nach der Logik des Kapitals und sind nichts weiter als unästhetische Charaktermasken.


1 Antwort auf “Der militante Flügel der FDP und seine bürgerlichen Kritiker – Zugleich eine Verteidigung revolutionärer Gewalt”


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